Dr. Wessig über junge ukrainische Prosa

Erstellt: Donnerstag, 15. September 2011 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014 Geschrieben von Martin Schmidt

Liebeserklärung an die Ukraine

In Anlehnung an Bert Brecht begann Dr. Wolfgang Wessig das Gespräch am Kamin im Hoyerswerdaer Kunstverein am Donnerstag mit dem Satz: “Literatur kann die Dr. Wolfgang Wessig Welt nicht verändern, aber zur Veränderung Lust machen“. Galizien, der westliche Teil der heutigen Ukraine habe im 20. Jahrhundert zahlreiche Veränderungen erlebt. Die jungen Autoren, die aus jener europäischen Region stammen und an ihren Vorgängern früherer Zeiten gemessen werden – Rose Ausländer, Bruno Schulz, Joseph Roth, Manes Sperber -, seien Zeugen solcher Wandlungen, die heute noch nicht abgeschlossen sind. Umso wichtiger sei es, deren Bücher in deutscher Sprache lesen zu können und damit das Mitdenken mit den Ukrainern zu ermöglichen.
Bücher von Juri Andruchowitsch (geb.1960), Taras Proshasko (geb.1968) und Serhij Shadan (geb. 1974), aus denen der geübte Theatermann sehr gezielt und gut ausgewählte Geschichten vortrug, schenkten dem eingeleiteten Nachdenken viel mehr Heiterkeit als erwartet wurde. Mit Ironie erzählten alle drei Schriftsteller ebenso abenteuerlich wie bewundernswert genau beobachtete Episoden aus dem Alltag ihrer Heimat. ‚Liebeserklärung an die Ukraine’wird der Roman “12 Ringe“ von J.Andruchowitsch zu recht genannt.
Die Bücher bestätigen den Drang der jungen Generation nach Europa. Versuche, der Not zu entkommen, wurde durch sprudelnde Phantasie zu Kabinettstücken der Erzählkunst. Sie wurden mit meisterlicher Vortragskunst von Dr. Wolfgang Wessig zu Gehör gebracht. Er ließ die Bitternis, die hinter den Texten steht, nicht weglachen, erstickte das Nachdenken nicht durch oberflächliche Übersteigerungen, stellte sich selbst nicht vor die Geschichten. Beim Lachen zeigte sich Nachsinnen, der Mittler ließ ohne Kommentare oder Erklärungen erkennen, dass jene östlichen Länder zu Europa gehören, dass das geistige Leben von dort heute ebenso Impulse empfangen könne wie es zu früheren Zeiten geschah.
Grenzgänge heißt diese Reihe des Kunstvereins, die seit ca. 10 Jahren Fenster und Türen zu unseren östlichen Nachbarn öffnet. Im anschließenden Gespräch wurden Erinnerungen wach: da war von dem Entdecken jener Literatur durch Alexander Granachs Memoiren „Da geht ein Mensch“ zu hören, von Fahrten zur Hilfe jener einstigen Heimat, der Untergang der reichen jüdischen Kultur Galiziens wurde deutlich. Ein Rückbesinnen auf die kulturellen Wurzeln und zum friedlichen Miteinander verschiedener Völker, Lebens- und Glaubensweisen ist für Europa unerlässlich. Dazu gab dieser Abend im Schloss Hoyerswerda zahlreiche Anstöße und ermutigte zu aktivem gemeinsamem Handeln.
In gekürzter Form veröffentlicht in  der Lausitzer Rundschau am 17./18.09.2011
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