Der Briefwechsell zwischen den DDR-Autoren Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann.

Erstellt: Samstag, 16. Februar 2013 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014 Geschrieben von Karin Großmann

Meine Gedanken schreien nach Dir

Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann 1959. Foto: Aisthesis Verlag/Ernst-jäger-Archiv Groß war die Liebe, auch wenn sie nicht hielt - jetzt erscheint der Briefwechsell zwischen den DDR-Autoren Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann.
Sie sind jung und lebenshungrig und begegnen sich 1958 in Petzow im Schriftstellerheim der DDR. Es ist eine "Wahnsinns-Liebe", schreibt Brigitte  Reimann. Mit dem zeitkritischen Roman "Franziska Linkerhand" wird sie später berühmt und mit ihren offenherzigaufrührerischen Tagebüchern. Daniel Siegfried Pitschmann schreibt vor allem Erzählungen. Beide sind noch verheiratet, lassen sich scheiden, sie leben und arbeiten zusammen in Hoyerswerda. Ist einer von ihnen unterwegs, wechseln sie herzergreifende Briefe. Viele blieben erhalten aus der Zeit zwischen 1958 und 1971. Sie werden jetzt erstmals veröffentlicht im Band "Wär schön gewesen!", herausgegeben von Kristina Stella im Aisthesis Verlag (312 Seiten, 24,80 Euro).  Die Sächsische Zeitung druckt exklusiv Auszüge aus dem Band, der nächste Woche herauskommt.
Hier wiederum nur ein Auszug des Beitrags der Säschsischen:
1. Ostertag 58 (2. Tag ohne Dich),
Liebste Brigitte,

wenn Du jetzt hier wärst, würde ich Dich bitten, mich in die Schulter zu beißen oder Deine Finger in meinen Arm zu drücken; denn iCh fürchte immer noch, nur einen Traum zu haben, plötzlich aus großer Höhe abzustürzen, furchtbar ernüchtert. ... ich habe Herzklopfen, und meine Gedanken schreien im Veitstanz nach Dir. 

Petzow, 2. 11. 1962
Mein liebster Mann,

... Es ist jetzt lebendig im Heim geworden, Fred Wander ist da, Herbert Otto kommt (schrecklich!) und Cwojdrak, und der Lehrgang ist überaus munter, und ich habe eine Masse Verehrer. Sie werden mir jetzt aber ein bisschen unheimlich, weißt Du, ich bin im Grund doch ziemlich schüchtern und fürchte mich vor Männern, die "mir zu nah kommen. Mit dem Arndt bin ich ganz gut befreundet, ich halte ihn mir vom Leibe, und er ist wahnsinnig verliebt in mich. Die anderen Männer, die sich mit mir unterhalten und mir Pralinen schenken: kenne ich eigentlich gar nicht, ich bin ganz unpersönlich, und gestern plauderte einer aus, sie hätten alle Respekt vor mir, weil ich immer so kalt durch die Gegend wandle und mich wie eine Dame benehme. Dein Kater - eine Dame! Freust Du Dich? Sind Männer nicht eine scheußliche Erfindung?  Sie wollen ja doch alle dasselbe, interessant sind bloß die verschiedenen Methoden.
"Es gehört wohl eine Unmasse Geduld und Nachsicht dazu, zusammenzuleben,- oder Liebe." Siegfried Pitschmann am 16.II.63.
Mit freundlicher Genehmigung von Sächsische Zeitung, Chefredaktion Dresden, Magazin, vom 16./17. Februar 2013

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