Udo Scheer und Andreas Schirneck gestalten einen Abend zu Reiner Kunze

Erstellt: Mittwoch, 05. Februar 2014 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014 Geschrieben von Christine Neudeck

Auf sensiblen Lebenswegen eines Dichters wandeln

Udo Scheer und Andreas Schirneck v.l. beim Hoyerswerdaer Kunstverein 2014 Udo Scheer und Andreas Schirneck gestalten eine Abend zu Reiner Kunze, der vor und nach der Wende häufiger Gast beim Kunstverein in Hoyerswerda war.

Lyrik ist nicht gerade ein gefragtes Genre auf dem Büchermarkt und Biografien von Lyrikern haben es fast ebenso schwer, verkauft zu werden. Dennoch hat Udo Scheer versucht, die Lebenswege des Lyrikers Reiner Kunze in gebührender Weise aufzuschreiben, die sensiblen Wege eines Künstlers, der im vergangenen Jahr 80 Jahre alt geworden ist.
Ganz so kurz und knapp wie die Verse Reiner Kunzes ist seine Biografie zum Glück nicht zu lesen. Das Leben eines Künstlers erzählen eigentlich schon seine Werke auf eindringliche Weise. Doch Verse sind nicht beim ersten Lesen zu entschlüsseln, man muss quasi hinter die Worte und hinter die Wörter schauen. Dass Reiner Kunze diese Art des Schreibens perfekt beherrschte, zeigt der große Zuspruch, den er in der damaligen DDR schon bei der Veröffentlichung seiner ersten Gedichtbände erfuhr. Hinter den Texten war die Hoffnung auf einen offenen Umgang mit dem freien Denken und der Kreativität des Einzelnen verborgen, tiefgründig, auf nur Weniges reduziert und doch verstanden. Das verschaffte ihm Freundschaften mit Gleichgesinnten, wie Günter Kunert und Jürgen Fuchs, erweckte aber gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit des staatlichen Überwachungssystems. Diese Angst des Systems, das in jedem "Denkenden" einen Staatsfeind vermutete, beschrieb Reiner Kunze 1965 in einem Nachruf auf Johannes Bobrowski im Jahr 1965 so:
IN MEMORIAM JOHANNES BOBROWSKI
Sein foto
an den anschlagsäulen
Jetzt
Der nachlaß ist
gesichtet, der dichter
beruhigend tot
"Beruhigend tot" sollte sich auch Reiner Kunze verhalten, nachdem er sich mit den Mitteln des freien Wortes zu den Ereignissen in der CSSR und in Ungarn geäußert hatte, nachdem er aus der SED ausgetreten war, nachdem seine Bücher in der Bundesrepublik veröffentlicht wurden und er den großen Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste erhalten sollte. Ihm blieb als Ausweg nur die Ausreise, die er im Frühjahr 1977 beantragte und bewilligt bekam. Einem sensiblen, ernsthaften Dichter wie ihm, wurde damit erst einmal auch die Existenz zerstört. Denn er lebte als Dichter von seinen Wurzeln, die im erzgebirgischen Steinkohlegebiet Oelsnitz liegen, von seiner Tätigkeit als Assistent der Journalistischen Fakultät der Universität Leipzig, der zum Hilfsschlosser degradiert wurde und von seinem zweiten Zuhause in der CSSR in Ústí an der Elbe. Von dort stammt seine Frau Elisabeth, durch die er zum gefragten Übersetzer tschechischer und slawischer Lyrik wurde und dafür Preise erhielt.
Der unfreiwillige Neuanfang in der Bundesrepublik war somit auch ein dichterischer Neuanfang, für seine Frau Elisabeth als Zahnärztin ebenso, für beide schwierig. Heute ist er ein erfolgreicher Lyriker, der sich kritisch zum Umgang mit der Umwelt und zum Umgang mit Lebenszeit widmet. "Was bist du, dichter, dass du wähnst, die welt sei geschaffen als deiner stimme hallraum?... Hast du der welt an welt hinzugetan? Und was an welt?" Die Biografie von Udo Scheer beantwortet diese Frage von Reiner Kunze sehr eindeutig positiv.
Gespannt war man auch auf die Texte, die Andreas Schirneck für seine Kompositionen aus der Vielzahl von Gedichten auswählen würde, denn er hatte die Qual der Wahl. In einer spannenden Mischung waren zu hören: ein Lied über den Großvater und eine Liebeserklärung an Elisabeth "Die Liebe ist eine wilde Rose in uns...", sie schlägt ihre Wurzen in alles, was den Anderen liebenswert macht. Auch eine Nachdichtung des tschechischen Dichters Jan Skácel zum Denken in schwarz- weiß, welches der Regenbogen des Dichters ad absurdum führt, begeisterte die Zuhörer und gab die große Bandbreite des Dichters und Übersetzers Reiner Kunzes wider, denn auch die Liebe zu Musik und Rhythmus ist in seinen Versen allgegenwärtig.  
Mit freundlicher Genehmigung von: Sächsische Zeitung, Hoyerswerdaer Tageblatt

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