"Drei Schritte nach Russland"- eine Lesung beim Hoyerwerdaer Kunstverein

Erstellt: Montag, 08. September 2014 Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 09. September 2014 Geschrieben von Katrin Demczenko

"Drei Schritte nach Russland" - eine Erzählung von Irina Liebmann

Dr. wolfgang Wessig liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein Drei Schritte sind es nicht, stattdessen drei Reisen und ihr ganzes Leben, die Irina Liebmann mit der Sowjetunion und Russland verbinden. Dr. Wolfgang Wessig aus Görlitz stellte beim Hoyerswerdaer Kunstverein ihr 2013 erschienenes Buch "Drei Schritte nach Russland" vor. Die gebürtige Moskauerin mit sibirischen Verwandten, die 1945 mit ihren Eltern in die DDR kam und jetzt in Berlin lebt, spürt darin dem heutigen Verhältnis der Russen zu Europa nach. Es ist ein Schwieriges und für die einfachen Menschen mit viel Ratlosigkeit verbunden, müssen sie doch mit dem politischen Erbe der 1993 zerbrochenen Sowjetunion umgehen.70 Jahre lang war das große Land im Osten Weltmacht und hat die politische Landkarte mitgestaltet. Es opferte Millionen Menschen, um zusammen mit den Westalliierten den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Gorbatschows Politik hat schließlich Deutschland die Wiedervereinigung ermöglicht. "Heute sucht Russland nach einer neuen Identität und Rolle in der Welt", sagte Dr. Wessig, und dabei erhält es von Europa leider nur wenig Hilfe. Er vermittelte. Nur wer versucht, einen Sachverhalt tiefgründig zu verstehen, kann angemessen reagieren.
Mit diesem Ziel reiste die russische Muttersprachlerin Irina Liebmann nach Moskau und Kasan und näherte sich still beobachtend und einfühlsam fragend den Menschen. Sie erfuhr von ihrer Freundin Marina, dass italienische Architekten am Kreml federführend mitgebaut hatten. Eine deutsche Uhr, die Marinas Großvater aus dem zweiten Weltkrieg mitgebracht hatte, ermöglichte ihm, Holz zu kaufen und daraus ein Haus für seine Familie zu bauen. Die Folgen der fehlenden Kontakte der DDR-Bürger zu russischen Menschen hatte Irina Liebmann selbst erlebt, denn Dr. Wessig las vor: "Also darum war dieses Land, die Sowjetunion, uns immer so flach erschienen." Die geistige Befreiung der Sowjetbürger zur Zeit der Perestroika konnte sie auf ihren Reisen in Gesprächen und alten Zeitungsartikeln nacherleben und zollte den Menschen dafür Achtung. Unter Jelzin wurde "der russische Baum mit Ideen des Westens veredelt", las Dr. Wessig vor und benannte das Ergebnis als freie kapitalistische Wirtschaft. Bezogen auf die aktuell brenzlige Situation in der Ukraine sagte er: "Wir setzen gerade die guten Beziehungen zu Russland aufs Spiel" und warnte, dass die Hochrüstung der NATO niemandem nützt.
Der kluge Theater- und Kulturwissenschaftler Dr. Wolfgang Wessig bereichert seit nunmehr 14 Jahren die Veranstaltungen des Kunstverein mit seiner Vortragsreihe "Grenzgänge". Dabei stellt er regelmäßig mittel- und osteuropäische Literatur vor mit dem Ziel, den Deutschen die Sicht ihrer Nachbarn auf gemeinsame Geschichte nahe zu bringen. Dazu nutzt er Bücher, denn "sie sind immer ein Spiegel der Zeit", so Dr. Wessig.
Bild: Dr. Wolfgang Wessig liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein "Drei Schritte nach Russland" von Irina Liebmann

Mit freundlicher Genehmigung von Lausitzer Rundschau, Hoyerswerda, veröffentlicht am 06.09.2014

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