Das zweite Gesicht des Herrn der Grausamkeiten

Uwe Jordan beim Hoyerswerdaer Kunstverein zu "Der Meister und Margarita" von Michail A. Bulgakow, März 2015„Marquis deSade – der vergessene Republikaner“ – Kamingespräch beim Hoyerswerdaer Kunstverein, am Donnerstag, dem 28. Mai 2015, 19 Uhr im Schloss Hoyerswerda

Ein unbekanntes Kapitel aus dem Leben des Marquis deSade,ein republikanischer programmatischer Aufsatz, vorgestellt von Uwe Jordan.
Er hat den Ruf eines Ungeheuers. Keiner hat so entsetzliche Grausamkeiten derart genüsslich beschrieben wie er. Selbst heute kann man vieles von ihm, besonders die sich zur Raserei steigernden letzten Fragmente der „120 Tage von Sodom“, kaum ohne ein gewisses Unbehagen lesen. Er selbst hat recht gut um die Wirkung gerade dieses Stückes gewusst, es genannt „die unzüchtigste Erzählung, die erfunden wurde, seit die Welt besteht“. – Donatien Alphonse François de Sade (2.6.1740-2.12.1814), bündig als Marquis deSade wohl nur wenigen KEIN Begriff, gilt seiner Nachwelt als das Exempel eines verderbten, grausamen, sittenlosen Un-Menschen, mit dessen Namen sich untrennbar die Lust am Schmerz-Zufügen bis hin zum allerscheußlichsten Mord verbindet.
Ein gänzlich anderer Mensch
Überlassen wir ihn hier sich selbst und wenden uns einem seiner Zeitgenossen zu; einem der striktesten Gegner von König, schmarotzendem Adel und selbstsüchtigen Kirchenherren. Dieser Mann leitete sein Hauptwerk mit einer bitteren Anklage ein: „Die ungeheuren Kriege, die (der von 1774 bis 1793 französische König) Ludwig XIV. im Verlaufe seiner Regierung zu führen hatte, und welche die Gelder des Staates und die Hilfsmittel des Volkes erschöpften, boten dennoch einer enormen Anzahl von Blutsaugern die Gelegenheit, sich zu bereichern. Diese Blutegel waren immer in der Nähe des Unglücks, das sie noch vermehrten, anstatt es zu verringern, und zogen daraus den größtmöglichen Nutzen für sich selbst.“ Dieser Mann wirkte folgerichtig in der Republik als Sekretär seines Gemeindeamtes und setzte sich sehr für bessere öffentliche Krankenhäuser ein. Er wurde Gerichtsvorsitzender, von dem ein Beweis seiner Milde gegeben sei: Seine Schwiegermutter hatte ihn zu Königs Zeiten ungesetzmäßig für lange Jahre hinter Gitter gebracht und sollte nun unter dem neuen Regime wegen anderer früherer Missetaten vor Gericht gezogen werden und musste mit der Todesstrafe rechnen.
„... noch eine Anstrengung!“
Welch exzellente Gelegenheit zu einer sadistischen Rache! Aber der Richter verschleppte alles, bis die Frau ins Ausland hatte fliehen können. Dieser Mann hinterließ den Aufsatz „Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt“, eine Art Programm des revolutionären Frankreich, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Wer ist nun dieser vom teuflischen Marquis deSade so grundverschiedene Zeitgenosse? Nun, es ist Donatien Alphonse François de Sade. Derselbe. Und das Zitat zu den „Blutsaugern“ leitet die Geschichte der „120 Tage ...“ ein.
Heute eher ein Spießer
Gewiss hat deSade sexuelle Experimenten gewagt, die damals als todeswürdig galten: Homo-Erotik und Peitschenspiele, die heute nur noch ein mildes Lächeln ernten würden: „Spießer!“ Exzesse feierte der Marquis nur in der Schrift. Es blieb ihm ja auch nicht viel anderes: 30 Jahre seines Lebens hat er (stets ohne rechtliche Grundlage, also selbst Opfer sadistischer Un-Justiz) in Gefangenschaft zugebracht: unter dem König in Vincennes und in der Bastille sowie im Irrenhaus von Charenton; in der Republik bald interniert und dann, wieder (!) bis zu seinem Tode, im ihm wohlbekannten Charenton. Trefflicher als deSade selbst (1783 in einem zorndurchfluteten Brief aus Vincennes an seine Frau) kann man nicht sagen, wie solche Umstände einen Menschen von der Fantasie deSades formen: „Ich wette, Ihr habt Euch zum Beispiel eingebildet, es würde auf mich wie ein Wunder wirken, wenn Ihr mich zur Abstinenz von allen Freuden des Fleisches zwingt. Da habt Ihr Euch indessen geirrt, denn Ihr habt mein Gehirn in Glut versetzt und mich imaginäre Gestalten ersinnen lassen, die es sofort zu verwirklichen galt: wenn man einen Topf auf allzu starkes Feuer stellt, dann quillt er über, wie Ihr wohl wißt ...“
Kurze Zeiten der Freiheit
„Die Zwischenakte in meinem Leben sind kurz gewesen“, schrieb deSade einmal nüchtern-resigniert; die kurzen Zeiten der Freiheit meinend, die im Alter überdies von quälendem materiellem Elend begleitet waren. Er hat sich übrigens testamentarisch gewünscht, die Erinnerung an ihn möge ausgelöscht werden. Das war ihm nicht vergönnt. Ihm widerfuhr Schlimmeres: Er lebt ewig als sein Zerrbild.
Der Kunstverein erinnert kurz vor dessen 275. Geburtstag an den anderen Marquis deSade: den Philosophen und Republikaner, auch wenn dessen Thesen in mancherlei Hinsicht bedenklicher sein mögen als seine sexuellen Monstrositäten.

DeSades Hauptwerke. „Die Philosophie im Boudoir“ enthält den Aufsatz, der beim Kunstverein vorgestellt wird.
Die „120 Tage ...“ rettete nach gut 100 Jahren nur ein unglaublicher Zufall vor dem Vergessenwerden, das der Marquis für sich selbst gewünscht hatte.
Immerhin bildlich ist es ihm (fast) gelungen. Von ihm ist ein einziges wahres Bild überliefert: das von Charles Amédée Philippe van Loo 1760 gezeichnete Porträt des 20-jährigen deSade.

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