"Flüchtlingsgespräche" von Bert Brecht, gelesen beim Hoyerswerdaer Kunstverein von Uwe Jordan.

Erstellt: Donnerstag, 08. Februar 2018 Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 11. Februar 2018 Geschrieben von Christine Neudeck

Wie lebt und was denkt ein Flüchtling?

Uwe Jordan, Journalist und Literaturkenner, liest von Bert Brecht beim Hoyerswerdaer Kunstverein die "Flüchtlingsgespräche"

"Flüchtlingsgespräche" des Dramatikers Bert Brecht, gelesen von Uwe Jordan beim Hoyerswerdaer Kunstverein Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten flieht Bert Brecht mit Helene Weigel und zwei Kindern, einen Tag nach dem Reichstagsbrand, von Berlin über Prag, Wien, Zürich, Paris, nach Dänemark, von dort weiter nach Stockholm und Helsinki. Er weiß also, wovon er redet, als er anfangs der 1940er Jahre seine "Flüchtlingsgespräche" schreibt. Nicht nur Flüchtling ist er, seine Bücher wurden verbrannt, seine Werke verboten und die deutsche Staatsbürgerschaft ihm aberkannt.
Beim Lesen fällt es schwer, mehrere Kapitel nacheinander zu lesen. Jedes Thema ist so reich an Gedanken und Betrachtungen, zum Beispiel über die Wichtigkeit eines Passes im Deutschen Reich, über die menschlichen Tugenden, über Freiheitsliebe und Lehren aus der Schule, über Herrenrassen und die Weltherrschaft des Führers, eines gewissen "Wieheißterdochgleich", dass es Zeit braucht, alles "nach" zu denken. Selbst über so einfache Begriffe wie Demokratie, Freiheit oder Volk gibt es vieles zu bereden. Dies überlässt Brecht seinen Protagonisten Ziffel und Kalle, der eine ein Intellektueller, der andere ein Arbeiter. Es sind Dialoge, die sozusagen Brecht mit Brecht in regelmäßigen Abständen in einem Bahnhofsrestaurant in Helsinki führt. "Am Ende eines jeden Kapitels scheiden sie voneinander und entfernten sich, jeder an seine Statt".
Die Argumente von Ziffel und Kalle liest Uwe Jordan mit angemessener Ironie und in jedem Punkt überzeugend. Ihm sei Dank, dass er immer neue literarische Meisterwerke der Literatur so gekonnt vorstellt.
Es stellt sich heraus, dass die Welten von Ziffel und Kalle so unterschiedlich gar nicht sind, sie wissen wie Reiche und Arme ticken und wie ein Reicher reagiert, wenn er arm wird und wie ein Armer, wenn er reich wird. Auffallende Ähnlichkeiten! Sie müssen sich in einer Welt zurecht finden, die voll ist von Hungerkünstlern, Helden und Diktatoren. Dazu bedarf es einer Menge Tugenden. Die Tugenden, die dem Menschen anerzogen werden, unterliegen den größten Schwankungen, diese lernen beide auf ihre Weise in der Schule, indem sie sich gegen ihre Mitschüler oder gegen die Lehrer körperlich und verbal zur Wehr setzen müssen. Das ist der tiefere Sinn von Bildung. Denn wie käme einer im Leben zurecht, wenn ihm diese Erfahrungen fehlten?
Die schlimmste aller Tugenden aber ist die Ordnung, die die größte Ähnlichkeit mit Gefängnissen und dem Militär hat. "Unordnung ist, wo nichts am rechten Platz liegt. Wo am rechten Platz nichts liegt, ist Ordnung." Doch wie soll sich einer zurecht finden, weil heute verboten ist, was gestern verlangt worden war, wo nur eine Herrenrasse ein Anrecht auf Leben hat und wo du nur durch einen Zufall von Schlamperei oder Nächstenliebe dein Leben retten kannst, wenn du nicht zur Herrenrasse gehörst? Ziffel und Kalle sind sich einig, dass die Menschlichkeit abhanden gekommen ist, allerdings, wenn man zahlen kann, ist man auf Nächstenliebe nicht unbedingt angewiesen.
Die Flüchtlingsgespräche - in jeder Hinsicht erschütternd - zum Zeitpunkt ihrer Niederschrift bis heute.

 

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