Rainer Gruß, ehemals Schauspieler am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, liest aus "Der Casanova von Bautzen" von Joseph Delmont

Erstellt: Sonntag, 27. Oktober 2019 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 02. November 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Wie einer zum Casanova wird

Rainer Gruß, ehemals Schauspieler am Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen, liest aus "Der Casanova von Bautzen" von Joseph Delmont (1873-1935). Eine Veranstaltung des
Hoyerswerdaer Kunstvereins

Rainer Gruß liest aus "Der Casanova von Bautzen" von Joseph Delmont Die Literatur ist eine Quelle, die auch in Zukunft nicht versiegen wird. Aber selbst in der Rückschau gibt es für Literaturkenner immer wieder Überraschungen, wenn ein brillanter Erzähler auftaucht, dessen Name nicht auf der Liste der Weltliteratur steht. So geschehen im Fall des Joseph Delmont, von dem nicht einmal alle biografischen Daten bekannt sind. Möglicherweise wurde er im Jahr 1873 in Niederösterreich geboren, unter dem Namen Joseph Pollack. Sein Leben verläuft abenteuerlich. Eine Schule besucht er nur zweieinhalb Jahre lang, wird mit neun Jahren Artist in einem Zirkus, geht später auf Großwildjagd, wird Sensationsfilmemacher in Amerika, Drehbuchautor und Regisseur in Berlin. Erst ab 1924 schreibt er Bücher. 1935 stirbt er in Bad Pistyan, heute Piešt´any, in der Slowakei. Den Namen Delmont hat er von seiner ersten Frau angenommen. So kurzweilig wie sein Leben lesen sich auch seine Bücher. Egon Erwin Kisch bezeichnete ihn einst als den spannendsten Erzähler seiner Zeit.
Der Lusatia-Verlag hat ein Buch von Joseph Delmont mit dem Titel "Der Casanova von Bautzen", angeregt durch Buchhandlung und Antiquariat Kretschmar, neu herausgegeben.
Im Schloss Hoyerswerda las der Schauspieler Rainer Gruß daraus vor, sehr zu Erheiterung und großen Freude des Publikums. Man hat den Eindruck, der Autor hat nicht nur aus dem Quell der Dichtkunst getrunken, sondern auch von den Elixieren seines Protagonisten, des Drogerie-Inhabers Berthold Türmer, ein Elixier, das sich Humor nennt und eines für geschliffene Dialoge.
Berthold Türmer wächst mit Eltern und Drogerie am Kornmarkt in Bautzen auf. Bereits mit 17 Jahren wird er nach dem Tod der Eltern Inhaber der Drogerie. Onkel Heinrich, der Apotheker, begleitet seinen weiteren Lebens- und Berufsweg als Vormund. Detailgetreu erfährt der Leser von Straßen, Flüssen, Kirchen und Plätzen, von Gasthöfen und Friedhöfen und von den Eigenheiten der Bewohner der Stadt, obwohl es in den Archiven keinerlei Hinweis gibt, dass Joseph Delmont jemals in Bautzen weilte.
Das Leben des jungen Berthold Türmer wird zum Abenteuer, als er von den Angestellten als Chef respektieren werden muss. Der Kutscher Wenzel will das keinesfalls hinnehmen und erzählt deshalb unter dem Siegel der Verschwiegenheit, dass Berthold in Hoyerswerda ein Mädchen geschwängert habe. Glaubwürdig insofern, als Berthold ein "äußerst hübscher Junge war, schlank, mit einem, trotz der Jugend, scharf geschnittenen Gesicht. Große, dunkle, träumerische Augen lagen unter einer hohen Stirne, die von einem brünetten, dichten Haarwuchs gekrönt war". Zudem besaß er ein penibles Reinlichkeitsgefühl und einen sehr muskulösen Körper. Frauen, jung und alt, "ließen mit Wohlgefallen ihre Blicke auf dem Jüngling ruhen". Das Gerücht macht trotz Verschwiegenheit oder gerade deswegen wie ein Lauffeuer die Runde, wunderbar in Worte gefasst vom Autor. Doch erst mit der Stimme von Rainer Gruß entwickelt sich die Stadt Bautzen zu einem bunten Bühnenbild, in dem die "Verschwiegenen" das Gerücht sehr redselig weiter tragen. Am Abend ist der junge Berthold Vater von drei unehelichen Kindern. Als Berthold von seiner Geschäftstour nach Hause kommt, wundert er sich über Onkel Heinrichs Fragen und die des Pastors. Die hier zu hörenden Dialoge, wie alle aneinander vorbei reden, jeder mit Andeutungen weiteren Zündstoff liefert, sind höchst amüsant. Doch die Rache des Kutschers verkehrt sich ins Gegenteil: Donnerwetter, die Drogerie wird zur Pilgerstätte von Frauen und Männern, jeder will den Casanova aus nächster Nähe bewundern, das Geschäft blüht. Aus Muskau reist Komtesse Doris von Gräzingen an, beseelt von einer Traumhochzeit mit "Bertie", die er nicht abschlagen wird. Berthold lehnt ab, er denkt nicht daran, einhundert Milchkühe zu heiraten, samt Äckern, Kartoffeln und Förstern, er lässt sich nicht heiraten. "Wie schön Sie sind in Ihrem Zorn" haucht Rainer Gruß alias Doris von Gräzingen, leibhaftig scheint sie mit Berthold Türmer im Zimmer zu stehen. Großartiger Vortrag und Weiterlesen garantiert amüsant.

Das Buch "Der Casanova von Bautzen" ist erhältlich unter ISBN 3-936758-20-4.

 

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