Der Zeitfluss kennt sein Ende nicht - das 32. Fest der sorbischen Poesie.

Erstellt: Montag, 09. August 2010 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014

Die Lesung erinnerte an die Schriftstellerin Dr. Gisela Kraft (1936-2010).

Die Akteure im Schloss Hoyerswerda

Künstler gestalten einen weiten Horizont. So zu erleben bei allen Festen der sorbischen Poesie im Jahr 2010, besonders an dem Abend in Hoyerswerda, der der Schriftstellerin Dr. Gisela Kraft gewidmet war, die vor allem durch ihre Gedichte und durch Übersetzungen aus dem Türkischen bekannt wurde und im Januar 2010 verstarb. Ihr Leben war von Theater, Philosophie und vor allem von der Sprache geprägt. Sie war Mitarbeiterin der Freien Universität Berlin, engagierte sich in der In Initiative „Künstler für den Frieden“ und übersiedelte 1984 aus Überzeugung in die DDR. Zuletzt lebte sie in Weimar. 
Benedikt Dyrlich, der Vorsitzende des Sorbischen Künstlerbundes, lernte sie kennen und schätzen und durch ihn kam sie in die zweisprachige Lausitz. So entsteht ein Knäuel von Verknüpfungen, den, wer wollte, an diesem Abend entwirren konnte. Das Wort Knäuel benutzt sie selbst für ihre Gedichte, die außerdem verwickelte Ströme sein können und Wörter, die mit Wörtern ernsthaft spielen. Benedikt Dyrlich stellte ein wunderbares Programm zusammen, indem er Dichter einlud, die mit Gisela Kraft in irgendeiner Weise verbunden waren. Da er selbst an diesem Abend nicht teilnehmen konnte, wurde er würdig durch seine Frau Monika Dyrlich vertreten, die eindrucksvoll das freundschaftliche Verhältnis zu Gisela Kraft schilderte und Gedichte von ihr und Benedikt Dyrlich las.
Professionell und liebevoll moderiert wurde von Milenka Retschke.
Peter Huckauf, Berlin, kannte Gisela Kraft persönlich und erinnert sich ihres Strebens nach Harmonie, er zeigte eine Facette von ihr, die den Islam vorzüglich kennt und eine andere, die die Lausitz und die Osterreiter erlebt. Er selbst verehrt in seinem Gedicht „Ode an Pumphut“ die Sorbische Sagenwelt, deren Witz und Mut auch heute von Nöten sei.
Benno Budar lernt Gisela Kraft beim Fest der Sorbischen Poesie an der Ostrower Schanze kennen. Heute gibt er sein Wissen weiter bei Übersetzungen ihrer Gedichte in das Ukrainische, an Grigorij und Volodymir Mowschtanjuk , die beide an diesem Abend anwesend waren und auch eigene Gedichte vortrugen. Das Gedicht „Das kleine Lindenblatt“ von Benno Budar, das den sorbischen Maler Martin Nowak-Neumann ehrt, war danach in Deutsch, Sorbisch und Ukrainisch zu hören. Alle drei Versionen machten die Bilder des Malers nahezu musikalisch erlebbar.
Hans- Jürgen Döring, Thüringen schätzt an Giesela Kraft neben der Lyrik auch ihre Romane zu Novalis und ihre Familiengeschichten, er bewundert ihre kindliche Freude am Leben, die gleichzeitig aber auch Würde ausstrahlt. Das bezeugen die Gedichte, die er von ihr liest und seine eigenen, mit Freude an der Sprache und Achtung voreinander.
Besonders eindrucksvoll war die Hoffnung zu spüren, dass Literatur und Sprache des sorbischen Volkes an die nächste Generation weiter gegeben werden. Angela Potowski initiierte als Deutschlehrerin am Lessing- Gymnasium das Fest der sorbischen Poesie und trug am Abend Texte und Gedichte von Gisela Kraft über die Lausitz vor. Es ist erstaunlich, wie in wenigen Zeilen in dem Gedicht „Leben“ die Lausitz -als Landschaft mit Steinbruch und leichtem Sand, mit Vater und Mutter, mit harter Arbeit und Weihnachtsbaumduft- die Kinder auf das Leben vorbereitet.
Die Jüngste in der Runde der Dichter, Nancy Hünger aus Erfurt, verfasste einen sehr persönlichen Text über Gisela Kraft, in dem sie sich als Zögling derselben bezeichnet, aber schon sehr deutlich ihre eigene Sprache findet, eine Sprache, die aufhorchen lässt und die die Gewissheit einschließt, das Dichtung nicht nur weiter gegeben, sondern von jeder Generation um Wesentliches bereichert wird. Gisela Kraft drückt es etwa so aus: Es gibt Sonnenaugenblicke, weil der Zeitfluss seine Ende nicht kennt; was an diesem Abend bei den begeisterten Zuhöreren zu spüren war.
(Sorbischer Künstlerbund, Kunstverein Hoyerswerda und Beirat für sorbische Angelegenheiten hatten eingeladen.)

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