Uwe Jordan stellt den Roman "Stepan Rasin" von Alexei Pawlowitsch Tschapygin vor

Erstellt: Donnerstag, 25. Juni 2020 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 01. Juli 2020 Geschrieben von Christine Neudeck

Stepan Rasin - Die Spirale der Gewalt

Uwe Jordan liest aus dem Roman "Stepan Rasin" von Alexei Pawlowitsch Tschapygin beim Hoyerswerdaer Kunstverein Es gibt Bücher in der Welt, die man nicht unbedingt lesen möchte. Ein solches scheint auf den ersten Blick der Roman "Stepan Rasin" von Alexei Pawlowitsch Tschapygin zu sein, zu viel Blut, zu viel Schnaps und Verzweiflung. Zu wenig Hoffnung.
Uwe Jordan stellt diesen Roman vor und zeigt damit , dass die geschilderten grausamen Tatsachen im Zarenreich, die Tschapygin literarisch umsetzt, ebenso zur Weltliteratur gehören, wie andere historische Romane auch. Nachlesen und Nachdenken erwünscht.
Den Hintergrund bilden die Legenden um den Don-Kosaken Stepan Rasin. Die Leibeigenschaft in der russischen Gesellschaft des 17.Jahrhundert ist unmenschlich und grausam. Der Zar hat ein System manifestiert, im dem seine Bojaren nach Gutdünken schalten und walten können, über die Lebenden verfügten können als ihr Eigentum, wie über leblose Gegenstände, selbst das Vieh wird besser behandelt, als die Menschen. Kleinste Vergehen, wie das Stehlen eines Huhnes, zu wenig Ehrerbietung vor dem Zaren oder, dass einer in der Schenke nicht alles vertrinkt, was er hat, da die Alkoholsteuer dem Zaren zusteht, führt zu harten Strafen. Selbst einen Angehörigen, der den Trinker aus der Kneipe holen will, trifft die Härte des Gesetzes: Auspeitschen ohne Erbarmen, Verlust von Gliedmaßen, Foltern auch bis zum Tod, ohne Ausnahme, selbst an Feiertagen. Diese maßlose Gewalt erzeugt folglich Hass, Gegengewalt und Rebellion. Es musste nur einer kommen, der mutig genug war, dem Regime entgegenzutreten und schon folgten ihm Unzählige nach.
Der Schriftsteller Alexei Pawlowitsch Tschapygin lebte von 1870 bis 1937. Er war ein Bauernsohn und erlebt die Oktoberrevolution 1917 mit. Seine Bücher widmet er dem einfachen russischen Volk und seinen Helden. In einer sehr poesievollen Sprache, in der er alle Begebenheiten und Dialoge bis ins kleinste Detail auslotet, obwohl Autodidakt, zeichnet er das Leben des Stepan Rasin (1630-1671) nach. Es ist die Zeit um 1650, in einem riesigen Gebiet vom Don bis an die Wolga und bis nach Persien findet Rasin Anhänger, die er um sich schart, sie wollen eine unabhängige Kosakenrepublik erhalten, wohingegen die Oberschicht ein Bündnis mit dem Zaren eingegangen ist, die Ausbeutung nun doppelt und dreifach erfolgt. Rasin chartert Boote und wird zum Fürsprecher für die erbarmungslos Unterdrückten, hetzt als Rebell und Freibeuter durch die Lande und verbreitet Angst und Schrecken.
Die Nachwelt verklärte ihn zum Helden. Tschapygin allerdings zeigt in seinem Roman beide Seiten, die gewaltauslösende Herrschaft von Zar und Bojar und die Reaktion der Unterdrückten, die nun ihrerseits zu Verbrechern werden.
Uwe Jordan wählte für die Lesung als erstes einen Markttag in Moskau aus. Die Beamten ziehen den Zoll ein, einmal für den Zaren, einmal für die Klöster, einmal den Zehnten für die Kirche. Da bleibt oft nur der Diebstahl, wenn ein Bauer ein Huhn unbedingt für seine Familie braucht. Tschapygin schildert nun sehr detailliert, wie dieser Bauer ausgepeitscht und ihm ein Ohr abgezwickt wird. Man möchte am liebsten weghören, denn die Bilder, die durch die Sprache im Kopf entstehen, kann man kaum aushalten. Ein Massaker bricht los, als die Tataren Salz kaufen wollen, das in ihrem Land durch die Bojaren überteuert verkauft wird. Nun wollen sie ihrerseits die Bojaren "einsalzen". Der Kreml wird gestürmt, mit Axt und Beil werden Fenster und Türen eingeschlagen, Bedienstete die Treppe hinab geworfen, Teppiche, Kronleuchter, das gesamte Inventar zertrümmert. Auf der Suche nach Wein landen die Rebellen im Keller, schlagen die Fässer ein und waten danach betrunken im Wein. Feuer bricht aus, Häuser und Menschen brennen. Chaos wohin man blickt... Rasin kehrt mit den übrig gebliebenen Kosaken an den Don zurück. Der Traum nach einer besseren Welt, die nur durch Gewalt erreicht werden kann, erfüllt ihn noch immer.
In einer weiteren Szene erleben wir die Rasinchen Aufrührer in Astrachan in der Dreifaltigkeitskathedrale. Sie stürmen die Gebäude, töten die Mönche, die Widerstand leisten und ziehen sie mit Fleischerhaken am Galgen hoch, weitere Mönche müssen die Kosaken mit den Töchtern der Bojaren verheiraten und, und, und.
Zum Schluss wird Rasin durch Verrat von seinem Freund, dem Altkosakenführer Kornej, der mit ihm den Aufstand begonnen hat, nach Moskau vor den Zaren gebracht. Die Rede, die Kornej hier vor dem Zaren hält, indem er seine eigenen Motivationen als Zarentreu zelebriert und die große, alleinige Schuld des Stepan Rasin darlegt, ist übervoll von feinsten diplomatischen Wendungen, der Zar ist überzeugt, einen treuen Anhänger vor sich zu haben - Kornej, und den größten Schurken aller Zeiten - Stepan Rasin. Rasin wird gevierteilt, das ist im Jahr 1671. 
Ein Klappentext des Romans in deutscher Übersetzung lautet:
"Ein Buch, das die Barbarei jener Zeit schonungslos enthüllt, und zugleich ein Buch voller Poesie - ein dichterisches Meisterwerk, das uns den Kampf- und Leidensweg des russischen Volkes im siebzehnten Jahrhundert, seinen Traum von einer lichten, besseren Zukunft vor Augen führt."

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